Wunder-bar getragen

Was passiert, wenn die richtigen Tiefen im Leben kommen? Wie reagiere ich? Was hält mich, wenn ich falle? Oder gibt es überhaupt etwas was mich hält?

Wir wissen nicht, wie sich etwas anfühlt, bevor es dann da ist. Auch wenn wir noch so emphatisch und mitfühlend mit anderen sein können, ist es etwas ganz anderes, selbst durch die Tiefen des Lebens zu gehen.

Zu Weihnachten hat meine Mama die Diagnose Krebs bekommen und es war sofort klar, dass es keine Chance auf Heilung und auch nicht mehr viel Zeit gibt. Um niemandem das Weihnachtsfest zu verderben und weiteren Umständen nicht im Weg zu stehen, hat sie bis Mitte Januar niemandem davon erzählt. Doch sobald wir davon wussten ging es plötzlich ganz schnell. Nachdem meine Schwester mir davon erzählte, wie schnell sich Mamas Gesundheit verschlechterte, habe ich sofort einen Flug gebucht und war kurz darauf bei meinen Eltern angekommen. Als ich das Haus betrat empfing meine Mama mich mit der längsten und innigsten Umarmung und mir wurde schnell bewusst, dass diese die letzte dieser Art sein würde, wir haben beide lange nicht losgelassen. Sie lebte noch sechs Tage nach meiner Ankunft und durfte dann zuhause in ihrem Bett, umgeben von ihrer ganzen Familie friedlich nach Hause zu Jesus gehen.

Die letzten Tage waren sehr schwer für uns alle. Mama so leiden zu sehen, brach mein Herz und wir alle beteten nur dafür, dass sie endlich gehen darf, sie freute sich ja schon so sehr auf den Himmel. Als sie dann starb, war ich zuerst nur erleichtert. Erleichtert, dass sie diese starken Schmerzmittel nicht mehr braucht, dass sie keine Angst mehr vor dem Schmerz haben muss und auch etwas erleichtert, dass sie im Himmel nicht mehr die Schwere dieses Lebens ertragen muss.

Meine Mama hatte kein leichtes Leben. Ihre Eltern haben ihr nie gesagt, dass sie sie lieb haben. Sie hat viel Krankheit und Leid selbst und in unserer Familie erfahren. Menschen haben sie schlecht behandelt und verachtet und das, obwohl sie immer den Frieden gesucht hat.

Und trotz all dem war und ist für mich ein unglaubliches Vorbild in dem, wie sie ihren Glauben gelebt hat, wie sie geliebt hat und auch darin, wie gerne sie Mutter war und wie wichtig ihr diese Aufgabe war. Sie hätte alles für uns Kinder gemacht und war immer für uns da. Sie hat uns immer wissen lassen, dass egal, was wir anstellen, wir immer zu ihr und Papa kommen können, ganz egal wie schlimm alles aussieht.

Ich vermisse sie sehr. Jeden Tag habe ich Momente, in denen ich sie anrufen oder ihr ein Bild schicken möchte, um ihr von Dingen zu erzählen, die sie gefreut oder interessiert hätten. In den letzten Wochen mit ihr, nachdem sie uns von der Diagnose erzählt hatte, war sie es, die alle um sie herum tröstete und stärkte. Wann immer ich mit ihr telefonierte oder bei ihr war, fühlte ich mich getröstet, getragen und zuversichtlich.

Der Tod verlor seinen Schrecken, wenn sie über den Himmel sprach.

Ein großes Thema war für meine Mama schon seitdem ich denken kann der Übergang von dieser Welt in die nächste. Sie sagte so oft „Sterben kann doch auch schön sein!“. Für sie war es nie eine Frage, dass man sich als Christ doch aufs Sterben freuen sollte, weil wir doch wissen, wo es hin geht. Wir dürfen endlich in die Arme unseres Retters laufen und nach Hause kommen. Wie Christen sich nicht darauf freuen können war ihr immer ein Rätsel. Wie kann man Jesus kennen und sich nicht darauf freuen ihn zu sehen?! Aus einigen Gesprächen mit ihr bin ich mit dem Gedanken gegangen ’stirbt sie bald, oder warum spricht sie so?‘. Ich kenne niemanden, der sich so auf den Himmel freute wie sie. Vielleicht hat Gott ihr aus gutem Grund diese Vorfreude ins Herz gelegt, denn sie hat uns alle schon seit vielen Jahren unwissend darauf vorbereitet, sie früh gehen zu lassen.

Auch wenn es ein Schock war, wie schnell sie von uns gegangen ist, bin ich erstaunlich wenig tief gefallen. Ich dachte, dass für mich eine Welt zusammenbricht, wenn sie dann geht, aber das tat es nicht. Es fühlt sich noch immer oft nicht real an und gerade in den ersten Tagen hatte ich immer das Gefühl, dass sie gleich zur Tür reinkommen wird. In manchen Träumen sehe ich, wie Jesus sie doch noch heilt und sie auferstehen lässt, aber das fühlt sich tatsächlich falsch an, es war nicht sein Plan, obwohl er die Macht dazu hätte. In all dem, was ich bis jetzt erleben musste bin ich immer wieder zu Jesus gelaufen, bei jeden Kleinigkeit. Ich habe gelernt gehorsam zu sein, in Dingen die für die Welt sicher dumm aussehen. Und all das hat in mir eine so tiefe Zuversicht verankert, dass Gott immer der Gleiche bleibt. Er ist gut und er liebt mich genauso wie er dich liebt und er hat einen Plan. Manchmal verstehen wir seine Pläne, wenn wir nach einigen Jahren auf Situationen zurückblicken, die sich von Leid in Segen umgekehrt haben und manche Sachen werden wir diesseits der Ewigkeit nicht verstehen, aber wir dürfen trotzdem vertrauen und uns in seine Hand fallen lassen. Er hält dich.

In dieser Zeit fühle ich eine so übernatürliche Ruhe und Frieden, den mein Verstand nicht erklären kann. Ich fühle mich so wunderbar getragen, wie es nur unser himmlische Vater tun kann.

Der Tod meiner Mama hat mich so sehr spüren lassen, wie kurz unser Leben eigentlich ist. Sie ist 52 Jahre alt geworden, das ist recht jung, aber wären 30 Jahre länger wirklich so viel länger gewesen? Das Leben ist kurz und wir kommen seinem Ende jeden Tag näher und das sollte uns keine Angst machen, so wie es auch ihr keine Angst gemacht hat. Den Tod vor Augen zu haben sollte uns dazu ermutigen die Zeit, die wir haben, zu nutzen und nicht zu verschwenden. Und wenn du dich als Christ noch nicht auf den Himmel freuen kannst, ermutige ich dich das zu hinterfragen. Denn wofür lebst du, wenn du nicht auf den Tag hinfieberst, an dem du Jesus endlich in die Arme nehmen kannst? Wer ist Jesus für dich, wenn du dich nicht auf den Moment freuen kannst, an dem du ihn endlich sehen darfst? Ich bin so dankbar dafür, dass meine Mama diese Vorfreude hatte, denn wir durften uns alle ehrlich mit ihr mitfreuen, als sie gehen durfte. Das nimmt nicht die Trauer und das Vermissen, aber macht es so viel leichter.


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