Kannst du gut warten? Ist ‚Zwischenzeiten aushalten‘ deine Stärke oder macht dich der Gedanke daran etwas unruhig?
Lange dachte ich, dass Geduld eine meiner absoluten Stärken ist, aber im letzten Jahr habe ich gelernt, dass meine Geduld auch definitiv Grenzen hat, die mittlerweile schon länger ausgereizt sind.
Hast du schonmal vom ‚Eldest daughter syndrome‘ gehört? Ich bin die älteste Tochter von fünf Kindern und auf mich trifft die Beschreibung dieses Phänomens teilweise ganz gut zu. Ich fühle ganz viel Verantwortung für Menschen und Umstände, in denen ich keine Verantwortung tragen müsste, aber weil ich diesen Drang habe helfen zu müssen und dabei die Leitung zu übernehmen, kann ich auch eine etwas kontrollierende Seite haben. Diese Seite habe ich zwar mittlerweile recht gut unter Kontrolle (ironisch, oder? haha), aber sie ist ein Teil von mir und sie ist Stärke und auch Schwäche zugleich.
Dieser Teil von mir, der gerne möglichst Alles unter Kontrolle hat, ist, wie ich schmerzlich feststellen musste, gar keine Hilfe, wenn Gott für mein Leben erstmal den Pauseknopf drückt und auch nur Er wieder den Startknopf drücken kann, ohne dass ich den leisesten Einfluss darauf habe.
Den Pauseknopf hat er vor ziemlich genau einem Jahr gedrückt, als ich zu meinem wundervollen Ehemann nach Kanada ausgewandert bin, wo ich bis heute darauf warte, dass die Einwanderungsbehörde mir endlich erlaubt arbeiten zu gehen – meiner Vermutung nach wird das dann der Startknopf sein, weil ich dann arbeiten gehen kann und mehr aus dem Haus komme. Aber wer weiß, vielleicht geht meine Interpretation auch weit an Gottes Interpretation von Pause- und Startknopf vorbei und eigentlich ist es ein schleichenderer Start – Prozess und es gibt gar keine Knöpfe. Für mich fühlt es sich zumindest gerade sehr danach an, dass ich auf das Startsignal warten muss, bis mein Leben wieder Fahrt aufnimmt. Mein Leben wurde ganz plötzlich entschleunigt und ich hatte noch keine Lebensphase, die sich so sehr nach Pause anfühlt und in der es keinen vorherbestimmten Zeitpunkt gab, zu dem es wieder weiterging. Meinem Bedürfnis nach Kontrolle über mein Leben gefällt das nicht so gut, aber es gibt mir so viel Raum und in erster Linie scheinbar unendlich viel Zeit, um zu wachsen und zu lernen.
Einen kurzen Moment innezuhalten tut meiner Seele gut, aber eine lange Zeit Stille auszuhalten, das hat das Potenzial mich zu verändern.
Viele Menschen, deren Geschichten in der Bibel aufgeschrieben wurden, haben auch lange Zeiten des Wartens erlebt. In den ersten Kapiteln des ersten Buchs Samuel ist die Geschichte von Hanna, die viele Jahre darauf wartete, endlich schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen und auch nach all den Jahren kam sie immer wieder zum Tempel und betete zu Gott, dass er sie doch sieht. Und auch viele andere Frauen der Bibel warteten Jahre oder sogar Jahrzehnte darauf, dass Gott ihnen ein Kind schenken würde. Abrahams Frau, Sara, war so alt, als ihr gesagt wurde, dass sie ein Kind zur Welt bringen würde, dass sie loslachen musste, denn wer könnte in einem so hohen Alter noch Kinder zur Welt bringen. Das ganze Volk Israels wartete in Ägypten auf Befreiung und noch viel länger auf einen Messias, der sie wirklich befreien würde, viele Juden warten sogar noch bis heute auf diesen Messias, denn sie haben Jesus nicht erkannt. Damals lebte in Jerusalem ein alter, gottesfürchtiger und gerechter Mann names Simeon, ihm hatte der heilige Geist zugesprochen, dass er noch vor seinem Tod den Messias sehen würde und auch er wartete, bis er kurz vor seinem Tod den kleinen Jesus in seinen Armen halten durfte. In vielen Geschichten der Bibel war das Warten zusätzlich geprägt von Versuchungen und schweren Umständen, so wurde Jesus in den vierzig Tagen, die er in der Wüste verbrachte vom Satan versucht oder denk mal an die Geschichte Hiobs. Hiob hielt eine lange Zeit voller Leid aus. Seinem Aushalten ist ein ganzes Buch gewidmet, das sein Leid und seine Kämpfe, aber auch sein Aushalten und Vertrauen beschreibt.
Ich könnte noch so viele Beispiele auflisten, denn Gott hat so viele Geschichten geschrieben und schreibt sie auch noch heute, in denen Menschen eine Zeit lang warten müssen. Und diese Zwischen – zeit, zwischen Lebensphase, die sich angenehmer und lenkbarer anfühlen, haben den Glauben und das Vertrauen der Menschen in Gott so sehr gestärkt.
Und auch ich darf in dieser Zwischenzeit ganz viel über Vertrauen lernen. Es ist eines meiner größten Gebete geworden, dass ich Gott vertrauen will. Dass ich seiner Führung vertraue und darauf vertraue, dass er weitersieht als ich und dass seine Wege gut sind, denn ich vertraue darauf, dass er seine Versprechen hält und dass er mich sieht. Nicht nur dass er seinen Blick über mich fliegen lässt, sondern dass er mich wirklich sieht, mein Herz, mein Innerstes.
Mein Leben hat mich schon durch einige sehr tiefe Täler geführt. Im ersten Moment fühlt es sich oft so an, als würde mein Vertrauen immer wieder auf die Probe gestellt werden. Doch mit der Zeit sehe ich, dass jedes Tal und auch jedes Aushalten, jede Zwischen – Zeit, mein Vertrauen in meinen himmlischen Vater so sehr stärkt und meinen Glauben und meine Sicht auf meinen Gott so wundervoll prägt.
Auch diese Zwischen – Zeit, die wahrscheinlich längste Zeit des Wartens, die ich soweit erlebt habe, gebraucht Gott um mich zu verändern und um unsere Beziehung zu stärken. Dieses Mal nicht nur meine Beziehung zu Gott, sondern die Beziehung zwischen mir, meinem Mann und Gott. Dieses Mal lässt Gott nicht nur mich wachsen, sondern auch meine Ehe wird von ihm geformt und verschönert, denn alles, was ihm näher kommt, wird schöner.
Bist du gerade in einer Zwischen – Zeit, oder hast du schonmal eine solche Zeit erlebt? Kannst du schon erkennen, wie Gott an die arbeitet, dein Herz verschönert und dir die Chance gibt, ihm in einer Zeit der Ungewissheit zu vertrauen? Diese Haltung des Vertrauens anzunehmen braucht Zeit, Übung und meiner Erfahrung nach ganz viel Gebet. Wenn du gerade in einer solchen Zeit bist, dann bete doch mit mir um Vertrauen.
Herr, ich bitte dich um Vertrauen. Ich danke dir, dass du es gut mit mir meinst, auch dann wenn ich es gerade nicht erkennen kann. Ich möchte dir vertrauen, bitte hilf mir dabei.
Von Herzen,
Amy


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