Sieben Monate sind schon vergangen, seitdem ich Deutschland verlassen und mit gepackten Koffern und einem one-way-ticket nach Kanada ausgewandert bin. In dieser Zeit durfte ich schon einiges erleben, von einem wunderschönen Sommer, bis zu meinem ersten Thanksgiving und meinem ersten kanadischen Winter! Ich fühle mich hier richtig wohl und es gibt so vieles, was ich hier sehr liebe, aber auch einiges, was mich Deutschland doch vermissen lässt. Heute möchte ich mit euch teilen, was mir hier besonders aufgefallen ist, seitdem ich umgezogen bin.
Natur
Freunde, die Natur ist so unglaublich schön! Und Menschen schätzen sie so sehr! Mein Mann und ich waren bei Freunden und haben davon erzählt, dass wir am Wochenende einen kurzen Trip in die Rocky Mountains machen wollten, nach Banff. Und wisst ihr worüber alle gesprochen haben? – welche Route dahin die schönste ist! Wenn Menschen eine längere Autofahrt vor sich haben, sprechen sie darüber, welcher Highway (Autobahn) die schönste Landschaft zeigt! Ich habe mit im Leben noch nie überlegt, welche Autobahn, denn den schönsten Ausblick bietet. Hier ist beste Strecke nicht die schnellste, sondern die schönste. Das fand ich richtig richtig süß.
Vielleicht kommt das davon, dass es hier normaler ist, viele Stunden, bis zur nächsten Stadt oder für einen Familienbesuch zu fahren und dadurch, dass die Straßen so viel leerer sind, haben Menschen die Zeit und die Ruhe, die Natur zu bewundern. Auf unserer Fahrt zu meinen Schwiegereltern habe ich tatsächlich Lieblingsstellen, auf die ich mich bei jeder Fahrt richtig freue, weil die Natur, die Weite und die Wälder so schön sind.
Außerdem gibt es hier Polarlichter!!! Leider leider habe ich noch keine gesehen, weil die Wetterbedingungen und das Timing auch passen müssen, aber ich freue mich schon darauf, irgendwann dieses Naturschauspiel zu sehen.
Innenstadt
Ich liebe es so sehr bummeln zu gehen! Mit einer Freundin durch die Innenstadt zu schlendern, in Mode- oder Dekoläden zu schauen und dann auf einen Kaffee in einem süßen Cafe zu sitzen. Das ist für mich ein perfekter Sommertag. In Kanada sind Innenstädte leider nicht über Jahrhunderte gewachsen, sondern meist schnell und modern hochgezogen, sodass es in vielen Städten keinen Altstadtcharme gibt. Dafür gibt es viele Parks und Möglichkeiten in jedem Stadtviertel um angelegte Teiche und auf Spazierwegen entlangzuschlendern. Trotzdem vermisse ich manchmal eine richtige, süße Altstadt.
Sport
In Deutschland verfolgen zwar auch viele Menschen die Spiele ihrer Lieblingsteams besonders im Fußball, aber ich finde hier in Kanada wird das auf ein anderes Level gebracht. Die meisten Menschen, denen ich hier begegnet bin verfolgen nicht nur eine Sportart sondern gleich mehrere, besonders Eishockey und Football sind hier sehr beliebt. Je nach Saison werden hier zum Teil jeden Tag mehrere Spiele geschaut. Ich persönlich kenne das aus Deutschland in diesem Ausmaß nur von sehr wenigen Menschen.
Aber auch wenn es darum geht selbst einem Sport nachzugehen gibt es hier die Möglichkeit in einer Art Hobby – Liga zu spielen. Man meldet sich einfach mit einer Gruppe von Freunden für eine Liga zum Beispiel für Volleyball oder Basketball an und trifft sich dann regelmäßig mit anderen Teams zu Spielen.
Homeschooling
Okay, ich gebe zu ich habe lange nicht so viel von Homeschooling gehalten, aber durch mein Studium und viele Praktika in Schulen, habe ich so viel über Lernen, Entwicklung und das Schulsystem gelernt, dass ich es richtig schön finde, eine Alternative zum Standartsystem zu haben.
Hier ist Homeschooling sehr weit verbreitet und es ist ganz normal, dass Eltern sich dazu entscheiden, ihr Kind von zuhause aus zu unterrichten. Statt großer Bürokratie und Hürden, wie in Deutschland, gibt es hier Unterstützung und tausend Hilfsmittel und Gruppen, die einen Unterricht zuhause vereinfachen und fördern.
Essensqualität
In Deutschland habe ich nie Probleme mit Lebensmittelunverträglichkeiten gehabt, wie sich das anfühlt, habe ich hier lernen dürfen.
Anders als in der EU sind hier viele (nachgewiesen gesundheitsschädlich) Zusatzstoffe in Lebensmitteln erlaubt und auch der Anbau und die Verarbeitung ist sehr anders als wir es gewohnt sind. Dank all dieser Unterschiede, haben viele Auswanderer aus Europa Schwierigkeiten hier zu essen. Mit diesem Wissen verstehe ich Trends auf sozial media auf einmal sehr gut. „Die vergiften unser Essen“ – Wenn man die (in der EU illegalen) Inhaltsstoffe googelt, sieht es tatsächlich danach aus. „Ich bin eigentlich glutenintolerant, aber im Urlaub in Europa kann ich Brot essen“ – Ja, ich auch. Nicht nur ich, sondern auch viele Menschen in meinem Umfeld kennen dieses Phänomen. Getreide ist hier stark genetisch verändert und haben nur noch wenig mit dem aus Europa zu tun, daher auch der Trend, dass glutenfreie Ernährung gesünder sei – in Nordamerika ist das tatsächlich traurige Wahrheit. Und auch „Tradwifes“ verstehe ich heute sehr gut, denn wenn man gesundheitliche Schäden vermeiden will, macht man sein Sauerteigbrot, Pizza und auch seine Butter am besten selbst zuhause.
Freundlichkeit
Dies ist mein größter und liebster Punkt, der mir beinahe jedes Mal auffällt, wenn ich aus dem Haus gehe. Es gibt ja das Klischee, dass Kanadier unglaublich freundliche Menschen sind – das kann ich zu 100% bestätigen! Wo auch immer ich Menschen begegne, wird mir eine Freundlichkeit entgegengebracht, die mir als Deutsche am Anfang eher befremdlich war. Angefangen dabei, dass Menschen einander bei jeder Gelegenheit die Türen aufhalten und super leicht ins Gespräch kommen, auch wenn es nur Small-talk ist. Das kanadischste Wort muss wohl „sorry“ sein, denn das kommt den Menschen hier so schnell und häufig über die Lippen und das bei jeder Gelegenheit, auch wenn es eigentlich nichts zu entschuldigen gibt. Genauso leicht gehen Menschen aber auch Komplimente über die Lippen! Ich kann mich nicht daran erinnern, von Kellnerinnen oder Kassiererinnen Komplimente bekommen zu haben, aber hier ist mir aufgefallen, wie schnell Menschen einander Komplimente machen über alles mögliche und das finde ich richtig schön!
Menschen scheinen hier allgemein einen freundlicheren Umgangston miteinander zu haben. Das wurde vor allem bewusst, als wir meine Familie in Deutschland im Herbst letztes Jahr besucht haben. Mein Mann und ich waren absolut schockiert, wie kalt und lieblos Menschen einander in der Öffentlichkeit begegnen. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, aber wir hatten in der Zeit einige Situationen, in denen Kirchenangestellte so bürokratisch und abgebrüht mit Menschen umgegangen sind, dass wir einfach sprachlos waren. An die kanadische Freundlichkeit – wenn sie vielleicht oft eher oberflächlich ist, gewöhnt man sich schnell und ich würde sie sehr vermissen, wenn wir eines Tages zurück nach Deutschland ziehen sollten.
Das sind nur ein paar Dinge, die mir hier besonders aufgefallen sind. Besonders die Freundlichkeit der Kanadier scheint den meisten Reisenden und Auswanderern aufzufallen. Hast du schonmal Kanada bereist? Was ist dir besonders aufgefallen?
Von Herzen,
Amy


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